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Minihaus News

Das eigene Bedürfniskörbchen auffüllen

Interview mit Psychologin und Feinschliff-Referentin Nora Völker-Munro zum Thema Resilienz

Frau Völker-Munro, damit die Definition für unsere Leser klar ist, gleich zu Anfang die Frage: Was ist Resilienz?

Die einfachste Übersetzung wäre tatsächlich Widerstandskraft. Resilienz bedeutet zum einen, die Erhaltung psychischer Gesundheit, aber auch das Aufstehen nach einer Krise.

Warum scheint das Thema Resilienz heute viel präsenter zu sein als früher?

In letzter Zeit haben uns viele Krisen eingeholt. Gerade in der Corona Hochphase waren Eltern auf verschiedenen Ebenen stark gefordert. Durch Quarantäne, Homeoffice oder Homeschooling mussten sie oft schnell und flexibel reagieren, x-mal neue Pläne schmieden und mit Ängsten und Meinungsverschiedenheiten umgehen. Auch der Ukraine-Krieg und Klimawandel bringen viele Unsicherheiten und auch finanzielle Belastungen mit sich. Wir merken das bei uns selbst, aber natürlich merken das auch unsere Kinder, weil wir als Eltern anders gefordert sind und auch der Wunsch da ist, die Kinder zu stärken, gerade für diese Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie es weitergeht.

In der Veranstaltung im MINIHAUS wurden viele Fragen gestellt, die kleine Konflikte mit den Kindern beschrieben, zum Beispiel wütend werden und Bauklötze werfen – wie kann die Reaktion auf eine solche Situation die Entwicklung von Resilienz beeinflussen?

Auf den ersten Blick haben solche Momente nichts mit Resilienz zu tun. Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas genauer hinschauen. Ich habe in meinem Vortrag die sieben Resilienz-Komponenten erwähnt, die resiliente Menschen mit sich bringen. Eine davon war die Emotionsregulation. Das Kind, dass in einer Situation, in der es Bauklötze wirft, kann eines noch nicht: seine Emotionen regulieren. Doch die Kinder haben noch viel Zeit, das zu lernen und auch, wenn wir nicht immer richtig reagieren, werden sie das noch lernen. Trotzdem können wir mit einer Begleitung, die den Resilienz-Aspekt im Blick hat, die Kinder schon von klein auf darin stärken, ihre Emotionen zu regulieren. Viele stressige Alltagssituationen können so, aus der Resilienzperspektive, zu „Wachstumschancen“ werden.

Es ist oft der Begriff „filmen“ gefallen, also dass man dem Kind die Situation, wie einen Film, widerspiegelt und beschreibt. Wäre das in dieser Situation ein probates Mittel?

Bei einem Wutanfall, wie dem oben beschriebenen, würde ich nicht zum „Filmen“ raten. Wir hatten im Vortrag über die Gehirnampel gesprochen, die ist in dieser Situation schon komplett rot und meine Worte erreichen das Kind nicht mehr, denn das Reptiliengehirn versteht keine Worte. In einem „grünen“ oder „gelben“ Moment empfehle ich zu „filmen“, damit meine ich die Situation möglichst neutral zu beschreiben – so wie wenn man die Handlung eines Filmes beschreiben würde.
Das „Filmen“ hat zwei besonders gute Wirkungen. Das Kind versteht in „grünen“ Momenten die Zusammenhänge besser. Wenn das Kind zum Beispiel drei seiner Gummibärchen an Max abgibt, könnte ich filmen: „Du hast drei Gummibärchen abgegeben - sieh mal wie er sich freut.“ Indem ich also beschreibe, dass eine bestimmte Handlung zu einem bestimmten Resultat führt, kann ich dazu beitragen, dass die Selbstwirksamkeit des Kindes gestärkt wird. Und die Wahrscheinlichkeit wird erhöht, dass das Kind auch in Zukunft wieder etwas teilt. In „gelben“ Momenten hilft mir das Filmen, da das Kind mir eher zuhört. Denn die Alternative zum Filmen ist normalerweise Kritik und mit Kritik schicke ich das Kind sofort in Richtung des roten Bereichs.

Es macht einen großen Unterschied aus, wie ich meinem Kind etwas sage. „Räum Dein Zimmer auf“ ist zwar eine klare Aufforderung, trotzdem nicht immer das Richtige. Was gibt es für andere Möglichkeiten dies zu sagen?

Gerade bei kleinen Kindern kommen unsere Aufforderungen oft gar nicht an. Ein „Räum dein Zimmer auf!“, das wir von der Küche rufen, erreicht unsere Kinder oft nicht. Der erste Schritt ist, auf die Kinder zuzugehen, Augenkontakt aufzunehmen und dann zu sagen: „Jetzt ist es Zeit aufzuräumen“.

Dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Kind mitmacht, wenn ich es in der Situation abhole, in der es sich gerade befindet. Wahrscheinlich macht es gerade etwas viel Schöneres als Aufräumen. Schaffe ich es für einen Moment mich in die Welt des Kindes einzufühlen? Ich könnte sagen: „Es ist nicht leicht mit dem Spielen aufzuhören. Du bist gerade ganz vertieft in dein Spiel“. Damit reiche ich meinem Gegenüber die Hand und kann es leichter hin zum nächsten Schritt führen: „Jetzt ist es Zeit aufzuräumen“. Dann ist es hilfreich, dem Kind eine Wahlmöglichkeit zu geben. „Möchtest du zuerst die Bauklötze, oder die Bücher aufräumen?“, oder „Sollen wir ein Lied anmachen und schauen, ob wir fertig sind, wenn das Lied aus ist?“.

Lernt ein Kind Resilienz nur zuhause oder auch an anderen Stellen?

Die Forschung zeigt, dass Resilienz primär durch eine positive Familienkommunikation, verbrachte Zeit mit den Eltern und das Engagement in der Erziehung gefestigt wird. Aber auch durch positive Beziehungen zu anderen wichtigen Bezugspersonen in Bildungseinrichtungen, wie Schulen oder Kindertagesstätten werden Kinder resilient. Im weiteren Leben spielen Freundschaften und das Beratungs- und Freizeitangebot in der Gemeinde auch eine Rolle.
An Resilienz muss man ein Leben lang arbeiten – gibt es Menschen, denen das leichter fällt?

Manche Temperamenteigenschaften machen es uns leichter, resilient zu werden. Man spricht auch von einem gewissen „Resilienzgen“ mit dem wir es leichter haben glücklich zu werden. Dennoch entscheiden letztendlich die Umwelteinflüsse darüber, ob wir resilient werden. Die Bindung zu den Eltern spielt hier eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung von Resilienz.

Viele Erwachsene fühlen sich heute nicht „resilient“ – kann man Resilienz auch im Alter noch lernen?

Ja, Resilienz lässt sich ein Leben lang lernen. Aber es wäre falsch zu sagen, dass es für jeden Menschen gleich einfach ist. Bei Resilienz geht es viel um eine gute Beziehung zu sich selbst und anderen Menschen sowie um eine zuversichtliche und lösungsorientierte Haltung. Je nachdem was der Erwachsene in seinem „Rucksack“ hat, braucht es vielleicht auch therapeutische Unterstützung, damit ein Resilienztraining fruchten kann.

Hat es Auswirkungen auf mein Kind, wenn ich selbst nicht „resilient“ bin?

Gerade mit kleinen Kindern, kommen wir immer wieder an unsere Grenze. Oft haben wir zu wenig Zeit, um unsere eigenen "Bedürfniskörbchen" aufzufüllen - das fängt oft schon beim Schlaf an und hört bei "ungestörter Paarzeit" meist noch lange nicht auf. Wir versuchen alles unter einen Hut zu bekommen und müssen auch noch mit den äußeren Herausforderungen zurechtkommen. Es ist normal, sich in diesen Zeiten als nicht resilient zu fühlen. Zum Glück warten auch wieder leichtere Zeiten auf uns! Und in der Zwischenzeit kann es helfen, sich immer wieder auf die schönen Momente zu besinnen, immer wieder ganz bewusst bestimmte Resilienzkompetenzen zu üben und auch private und öffentliche Unterstützungsangebote anzunehmen.

Das Interview mit Nora Völker-Munro entstand im Rahmen eines hausübergreifenden Elterninformationsabends im MINIHAUS München zum Thema „Resiliente Kinder – Wir machen Kinder stark!“. Bei dem von Feinschliff – Die Bildungsakademie organisierten Event nahmen insgesamt knapp 100 Eltern (online und präsent) teil. Mehr über die Arbeit von Nora Völker-Munro finden Sie auf www.resilienisch.com.

Einen Mitschnitt der Veranstaltung können Sie hier ansehen
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